Stud.IP Uni Oldenburg
University of Oldenburg
20.09.2021 03:53:58
Seminar: 4.03.2201 Aporien der liberalen Staatslehre - Der geschlossene Handelsstaat von Fichte - Details
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General information

Course name Seminar: 4.03.2201 Aporien der liberalen Staatslehre - Der geschlossene Handelsstaat von Fichte
Subtitle
Course number 4.03.2201
Semester Sommersemester 2021
Current number of participants 28
maximum number of participants 50
Home institute Institute of Philosophy
Courses type Seminar in category Teaching
First date Mon., 12.04.2021 16:00 - 18:00
Type/Form Seminar
Lehrsprache --

Course location / Course dates

n.a. Monday: 16:00 - 18:00, weekly

Module assignments

Comment/Description

Schon seit Platons Staat gab es den Gedanken, die menschliche Gesellschaft planvoll nach bestimmten Prinzipien und daher vernünftig zu gestalten. Dieser Gedanke zeigte sich umso stärker, als die Aufklärung mit der religiösen und ständischen Tradition Schluss machen und ein neues Zeitalter der Menschheit und des Individuums einläuten wollte. Fortan sollten Gemeinschaft und Gesellschaft dem Individuum dienen. Doch mit dem Umsturz aller bisherigen Ordnung, in der es feste Hierarchien und Zugehörigkeiten gab, schien der Mensch, als an sich seiendes Individuum gedacht, dem anderen Menschen ein Wolf zu sein. Wie ist Gemeinschaft und Gesellschaft möglich, wenn jeder Einzelne als frei und gleich gegenüber anderen gedacht wird? Eine der Lösungen, die bereits das ganze Problem deutlich macht, war der Leviathan von Thomas Hobbes, ein fast allgewaltiger, sterblicher Gott, der aus rationaler Abwägung jedes Einzelnen geschaffen wurde, damit genug Sicherheit für die Freiheit jedes Einzelnen gewährleistet ist. Nun gab es in der Geschichte der Menschheit viele autoritäre Systeme, aber erst in der liberalen Staatstheorie, wird die Autorität sich selbst zum Problem, wenn sie sowohl aus der Freiheit der Einzelnen entstehen und dauerhaft bestehen als auch für die Freiheit der Einzelnen angewandt werden soll. Oder wie es in der berühmten Gettysburg Adress von Abraham Lincoln nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg optimistisch heißt:

„that this nation, under God, shall have a new birth of freedom – and that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.“

Man könnte diese Aporie, dass politisch liberales Denken zu autoritären Strukturen führt, für ein bloßes Gedankenproblem halten, das entweder nur akademisch geführt oder im richtigen Leben pragmatisch, scheinbar unideologisch gelöst wird. Doch sind Aporien grundsätzlicher Natur und weisen aufgrund ihrer gedanklichen Unlösbarkeit auf notwendige Widersprüche im Denken oder der Sache hin. Kein Denken und kein Wille kann sich von diesem sie selbst betreffenden Problem befreien, dass die vernünftige und mithin freie Bestimmung des Denkens und des Willens eine Macht gegen die Fremdbestimmtheit sein muss, um wirklich zu sein. Auch die neue bürgerliche Gesellschaft musste eine wirksame Macht gegen die feudalistische Ordnung im eigenen Land und anderer Länder sein. Eine Moral, die nicht als Macht gegen andere Bedürfnisse auftritt, ist nur Schaumschlägerei. Jeder Eingriff in die Natur, als den Menschen gegenübertretende Einheit des Fremdbestimmten, ist auch ein Durchsetzen gegen diese. Doch sind diese Reflexionen nicht der einzige Grund, warum diese Aporie ernst genommen werden sollte. Dem politischen Aufstieg des Bürgertums ging nämlich die Durchsetzung von gesellschaftlichen Verhältnissen voraus, die selber aporetische Qualität haben. Die Rede ist vom Privateigentum und dem Markt. Im Markt müssen auch alle als frei und gleich gedacht werden, aber statt eines vernünftigen Plans herrscht hier ein scheinbar von den einzelnen Willen der Menschen losgelöstes, rationales, aber undurchschaubares Prinzip, durch das trotz der gegeneinander durchkreuzenden Einzelinteressen eine Einheit entsteht. Diese Einheit kommt, so sagten und sagen viele Ökonomen, dem Gemeinwohl am nächsten. So polemisiert Marx im Kapital:

„Die Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham. Freiheit! Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z.B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent. Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine. Bentham! Denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für sich und keiner für den andren kehrt, vollbringen alle, infolge einer prästabilierten Harmonie der Dinge oder unter den Auspizien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils, des Gemeinnutzens, des Gesamtinteresses.“

Dass der Markt aus seinen Voraussetzungen heraus für den Einzelnen aber ein sehr ungemütlicher, ja existenzbedrohender Ort werden kann und werden muss, ist ein Problem, das nicht nur Marxisten beschäftigt hat. Die Forderung, den Markt zu regulieren, zieht sich durch die ganze Geschichte der politischen Ökonomie und hat nicht zuletzt ihren Grund darin, dass der Markt selbst kein vom Himmel gefallenes Verhältnis zwischen Menschen ist, sondern selbst erst durch Regulation und machtvolle Eingriffe hergestellt und erhalten werden musste. Wenn er aber einmal hergestellt ist, war seine sich selbst erhaltende und andere traditionelle Verhältnisse vernichtende Qualität schnell das Interesse jeder politischen Theorie und jeder realen politischen Auseinandersetzung. Denn der Markt untergräbt die Macht des Staates und jeder Staat muss seinen Anspruch der Herrschaft gegen solche Konkurrenz, sei es durch andere Staaten oder Markteinflüsse verteidigen. Aber auch der Markt braucht den Staat als Garant des Eigentums und des Vertrags und auch die einzelnen Marktteilnehmer sind staatlichem Einfluss zu ihrem Vorteil nicht abgeneigt. Der bürgerliche Staat, der seine Wirtschaft marktökonomisch verfasst, steht dann vor regulatorischen Problemen. Er muss den Markt regulieren, um sein Gewaltmonopol zu erhalten, darf den Markt aber nicht regulieren, um die Grundlage seiner Macht nicht zu gefährden. Wie mit diesem Problem umgegangen wird, zeigt oft den Standort von Individuen und Parteien im politischen Spektrum an und bildet das politökonomische Tauziehen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft.
In diesem Seminar soll nun ein Text behandelt werden, in dem diese philosophischen, politischen und ökonomischen Probleme schon recht früh in der bürgerlichen Ära erscheinen und der entgegen seiner liberalen, bürgerlichen Voraussetzungen eine planwirtschaftliche, quasi-sozialistische Lösung anbietet. Dieser Text ist „Der geschlossene Handelsstaat“ von Fichte, dessen Titel der Autor mit folgenden Worten vorläufig erklärt:

„Den juridischen Staat bildet eine geschlossene Menge von Menschen, die unter denselben Gesetzen und derselben höchsten zwingenden Gewalt stehen. Diese Menge von Menschen soll nun auf gegenseitigen Handel und Gewerbe unter und für einander eingeschränkt, und jeder, der nicht unter der gleichen Gesetzgebung und zwingenden Gewalt steht, vom Antheil an jenem Verkehr ausgeschlossen werden. Sie würde dann einen Handelsstaat, und zwar einen geschlossenen Handelsstaat bilden, wie sie jetzt einen geschlossenen juridischen Staat bildet.“

Es ist bisher geplant, diesen Text von Fichte, einige Grundlagen seiner Wissenschaftstheorie und dazu einen Text von Hegel zu lesen, der aus derselben den notwendigen Übergang der liberalen Voraussetzungen in den autoritären Staat darstellt. Freilich sind alle Hinweise auf andere Texte und Autoren während den Sitzungen willkommen.

Die Texte für das Seminar werden bei StudIP zur Verfügung gestellt.

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