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University of Oldenburg
25.02.2024 20:36:18
Seminar: 4.03.2207 125 Jahre Herbert Marcuse: Querschnitte - Was bleibt? - Details
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General information

Course name Seminar: 4.03.2207 125 Jahre Herbert Marcuse: Querschnitte - Was bleibt?
Subtitle
Course number 4.03.2207
Semester SoSe2023
Current number of participants 40
expected number of participants 40
Home institute Institute of Philosophy
Courses type Seminar in category Teaching
First date Tuesday, 11.04.2023 16:15 - 17:45, Room: V03 0-D003
Type/Form Seminar
Lehrsprache --

Rooms and times

V03 0-D003
Tuesday: 16:15 - 17:45, weekly (14x)

Module assignments

Comment/Description

125 Jahre nach der Geburt von Herbert Marcuse (1898-1979) soll gefragt werden, wie sich dessen Philosophie zwischen anfänglich existentialistischen Einflüssen seines Lehrers Martin Heidegger und den Aufklärungsparadigmen von Kant, Hegel, Marx und Sigmund Freud zu einer eigenständigen Philosophie entwickelte, die mit dem Klassifizierungsbegriff kritischer Theorie als Kultur- und Gesellschaftskritik verknüpft ist. Dazu bietet sich als Herangehensweise ein werkgenetisch-querschnittsbezogener Ansatz an, um die vielfältigen Themen seines Denkens und Handels herauszustellen, sie auf deren Fragwürdigkeit, phänomenale Eigenartigkeit oder philosophische Stringenz, Validität und Aktualität hin zu überprüfen und gleichzeitig eine marxistisch inspirierte Kontinuität inmitten zivilisatorischer Brüche im 20. Jahrhundert – dem „Zeitalter der Extreme“ (Erich Hobsbawm) von Faschismus, amerikanischem Exil, sozialistisch pervertierter Sowjetherrschaft, westdeutscher Restauration und internationaler Arbeiter- und Studentenbewegung – erkennbar und erinnernd mit dem Ziel bewusst zu machen, dass Krisen und Katastrophen auch jeder zeitlich subjektiv und kollektiv herstellbare Friedens- und Emanzipationspotentiale bereithalten.
Dass Marcuses Fortentwicklung der Kapitalismus-Kritik auf der Matrix von Amerika-Erfahrungen mitberuht, trifft auf kaum einen anderen Vertreter der Kritischen Theorie in aller Deutlichkeit zu. Nicht dauerhaft nach Europa zurückgekehrt, wäre er heute einer der radikalsten Kritiker protektionistischer Macht- und Kriegspolitik gewesen, die mittels ideologischer Fake News oder militärischer Gewalt durchgesetzt wird. Was macht die Originalität von Marcuses Schriften aus, die er im Kontext faschistischer Gleichschaltung, gesteigerter Aggressionsbereitschaft und eindimensionaler Abrichtungen der Subjekte verfasste, ohne je plumpe Ressentiments verbreitet zu haben? Als revolutionserfahrener Soldatenrat in Berlin (1918) und über den deutschen Bildungsroman in Freiburg promovierter Germanist (1922) wurde Marcuse anfangs durch die Existenzphilosophie geprägt. Zu Beginn der 1930er Jahre entwickelte er dann entlang von Marx‘ wiederentdeckten Pariser Manuskripten einen Entfremdungsbegriff, der den ganzen Menschen erfasst und die affirmative Herrschaft über Natur und Kultur begründet; später, im amerikanischen Exil, findet die Hinwendung zur Psychoanalyse in dem Werk „Triebstruktur und Gesellschaft“ (1955) statt. Sensibel für Sozial- und Minoritätsfragen und antirassistische Proteste der Bürgerrechtsbewegung, die sich auf dem kalifornischen Verbundcampus von Berkeley und San Diego herausbildeten und großen Einfluss auf das Free Speech Movement und die Studenten- und Antikriegsbewegung ausübten (Vietnamkrieg), hatte Marcuse um 1965 zeitaktuell eine technologiekritische Sozial- und Freiheitsphilosophie entwickelt, die ihren theoretischen Ausgangspunkt in den Geistesgewölben des deutschen Idealismus und deren materialistisch-dialektischen Kritiker fand.
Speziell zu befragen ist die philosophische Konstruktion der ausgewählten Schriften, worin Marcuse mit Begriffen wie „affirmative Kultur“, „promesse du bonheur, „Befreiung“, „Revolte“, „große Weigerung“ oder „neue Sensibilität“ operierte. Weitere Termini wie „Negation“, „Fortschritt von Ausbeutung und Herrschaft“, „allseitig entwickeltes Individuum“ versus „verstümmelte Erfahrung“ oder „sozialistischer Humanismus“ verweisen auf seine Philosophie der Praxis, die auch im Sinne des platonisch-zeugenden Eros konzipiert ist. Zuletzt beschäftigten Marcuse, angeregt durch die alarmierende Wachstumskritik des Club of Rome (1972), die menschengemachte „Vergewaltigung der Natur“ und „Naturbeherrschung auf Kosten der Freiheit“ als Raubbauphänomene, die zur Zerstörung der Lebensvoraussetzungen (Klimakatastrophe, Artenrückgang) auf dem Planeten führen. Aber der destruktiven Wachstums- und Destruktionslogik setzte Marcuse das Ausscheren kreativer Produktiv- und Transzendenzkräfte der bürgerlichen und avantgardistischen Künste, Musik, Literatur und verantwortungsvollen Wissenschaft als quirlige Graswurzelalternative entgegen. Wie Marcuse seine Theoreme und Thesen eigensinnig begründete, ob und welche Antworten sie auf die entsinnlichenden Entfremdungsprozesse des Kapitalismus bereithalten oder wie die freiwillige Knechtschaft und Angst vor der Freiheit überwunden werden können, bildet den Gegenstand unserer Lektüren und Erörterungen.
Voraussetzungen: Lust und Laune zur Lektüre und zum Eingrooven in die Diskussionen. Alle Texte, die chronologisch zu lesen sind, werden demnächst in meinem Seminarhandapparat der UB eingestellt. Zur Anschaffung empfohlen werden die Suhrkamp-Taschenbücher „Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft“ (1969), „Kultur und Gesellschaft“ (Bd. 1 u. 2, 1965), „Versuch über die Befreiung“ (1969) und „Konterrevolution und Revolte“ (1972), die antiquarisch gut und billig über „ZVAB“ (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) zugänglich sind. Benutzbar ist auch die 9-bändige Werkausgabe „Schriften“, die alle angegebenen Texte enthält.
Primärliteratur:
Marcuse, Herbert: Schriften (Bd. 1-9). Lüneburg: zu Klampen Verlag 2004.
Marcuse, Herbert: Neuere Quellen zur Grundlegung des Historischen Materialismus [1832]. In: Ders.: Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1969, S. 7-54.
– Über den affirmativen Charakter der Kultur [1937]. In: Ders.: Kultur und Gesellschaft I. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1965, S. 56-101.
– Philosophie und kritische Theorie [1937]. In: Ebd., S. 102-127.
– Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Deutsch von Marianne von Eckardt-Jaffe. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1987.
– Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft [1964]. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Alfred Schmidt. Neuwied, Berlin: Luchterhand Verlag 1970.
– Versuch über die Befreiung [1968]. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Helmut Reinicke und Alfred Schmidt. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1969.
– Konterrevolution und Revolte [1972]. Unter Mitwirkung von Alfred Schmidt au dem Englischen übersetzt von R. & R. Wiggerhaus. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1973.
– Die Die Permanenz der Kunst. Wider eine bestimmte marxistische Ästhetik [1977]. In: Ders.: Schriften 9. Konterrevolution und Revolte. Zeit-Messungen. Die Permanenz der Kunst. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1987, S. 191-241.
– Kinder des Prometheus. Thesen zu Technik und Gesellschaft [1979]. In: Ders.: Nachgelassene Schriften. Band 6: Ökologie und Gesellschaftskritik. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Peter-Erwin Jansen. Lüneburg: zu Klampen Verlag 2009, S. 157-164.
– Ökologie und Gesellschaftskritik [1979]. In: Ebd., S. 165-176.
Forschungsliteratur:
Davis, Angela, Y.: Marcuses Vermächtnis. In: Keine Kritische Theorie ohne Amerika. Herausgegeben von Detlev Claussen, Oskar Negt und Micheal Werz. Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik 1999, S. 92-101.
Flego, Gvozden/Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich (Hrsg.): Herbert Marcuse – Eros und Emanzipation. Marcuse-Symposium 1988 in Dubrovnik. Gießen: Germinal Verlag 1989.
Jansen, Peter-Erwin: Über Herbert den Greisen und Leo den Weisen. Aufsätze. Lüneburg: zu Klampen Verlag 2021.
Kritik und Utopie im Werk von Herbert Marcuse. Herausgegeben vom Institut für Sozialforschung. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1992.
Reitz, Charles: Ecology and Revolution: Herbert Marcuse and the Challenge of a New World. New York: Routledge 2018.
Ruschig Ulrich: Die Befreiung der Natur. Zum Verhältnis von Natur und Freiheit bei Herbert Marcuse. Köln: PapyRossa Verlag 2020.
Zeitplan:
11. 04. 2023 Einführung; Neuere Quellen zur Grundlegung des Historischen Materialismus (1932)
18. 04. 2023 Neuere Quellen zur Grundlegung des Historischen Materialismus
25. 04. 2023 Der affirmative Charakter der Kultur (1937)
02. 05. 2023 Der affirmative Charakter der Kultur; Philosophie und kritische Theorie (1937)
09. 05. 2023 Triebstruktur und Gesellschaft (1955)
16. 05. 2023 Triebstruktur und Gesellschaft
23. 05. 2023 Der eindimensionale Mensch (1964)
30. 05. 2023 Der eindimensionale Mensch
06. 06. 2023 Versuch über die Befreiung (1968)
13. 06. 2023 Versuch über die Befreiung
20. 06. 2023 Konterrevolution und Revolte (1972)
27. 06. 2023 Konterrevolution und Revolte
04. 07. 2023 Die Permanenz der Kunst (1977)
11. 07. 2023 Kinder des Prometheus (1979); Ökologie und Gesellschaftskritik (1979); Abschlussgespräch

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