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University of Oldenburg
27.09.2023 14:18:38
Seminar: 4.03.1153 Erkenntnis und Sprache: Die Linie Platon, Augustinus und Dante - Details
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General information

Course name Seminar: 4.03.1153 Erkenntnis und Sprache: Die Linie Platon, Augustinus und Dante
Subtitle
Course number 4.03.1153
Semester SoSe2023
Current number of participants 40
maximum number of participants 40
Entries on waiting list 8
Home institute Institute of Philosophy
Courses type Seminar in category Teaching
First date Monday, 17.04.2023 10:15 - 11:45, Room: A01 0-009
Type/Form Seminar
Lehrsprache --

Rooms and times

A01 0-009
Monday: 10:15 - 11:45, weekly (11x)

Module assignments

Comment/Description

Das Seminarthema ist ein Wagnis, bewegen wir uns doch in unserer Muttersprache wie die Fische im Wasser und suchen im sprachlichen Umgang, Gespräch oder Dialog nach Worten, die dem Sprecher herausfließen und die Zuhörerschaft erreichen oder verfehlen. Das Gemeinte wird im Alltags- und Idealfall gegenwärtig und vertraut, so dass Sprache als Kommunikation die natürliche Sprachgemeinschaft von Sprecher- und Zuhörerschaft verbindet. Hingegen ist philosophische Sprache auch an den Gebrauch von Terminologie gebunden, obwohl es kein rein terminologisches Sprechen gibt, denn alle Ausdrücke, auch Fachworte, verbindet die Eigenschaft, dass sie in das Leben im Kontext des freien Gebrauchs der Wörter zurückkehren, wenn es entsprechende Semantiken verlangen.
Mit der Lektüre von Platons „Kratylos“ (ca. 393-388 v. Chr.) ist beabsichtigt, nicht nur die beiden unterschiedlichen Begriffe „Erkenntnis“ und „Sprache“ voneinander zu unterscheiden, sondern sie in dem Konflikt zwischen Physei (Sprache als Natur) und Thesei (Sprache als Vereinbarung) näher zu behandeln und danach zu fragen, ob der sprachliche Wesensantagonismus auch auf das Gebiet der Erkenntnis sich auswirkt und in Augustinus‘ und Dantes Erkenntnis- und Sprachtheorie fortlebt? Kann die Einheit von Wort und Sache aufrechterhalten werden? Oder bezweckt Platon, dass in der Sprache und ihrem Anspruch auf Sprachrichtigkeit keine sachliche Wahrheit je erreichbar ist? Führt solche Setzung dazu, dass ohne Worte das Seiende erkennbar ist, denn das Denken oder Schauen (der Ideen) als innerer Dialog der Seelenkräfte mit sich selbst ist stumme Aktivität, die ausdruckslos verläuft. Aber das heißt auch, dass das denkende Wort nicht nur bloßes Werkzeug, Zeichen oder Abbild eines Urbildes ist, obschon bei der Sprachbildung das mimetische Verhältnis zum Gegenstand lautmalende Beschaffenheit benötigt, damit das Abgebildete seine Zugehörigkeit zum Sein des Abgebildeten zeigen kann.
Der Auftritt des Sokrates, der mit Hermogenes und Kratylos über das Erkenntnis- und Sprachproblem streitet, belegt, dass hier ein ausgebuffter Dialektiker spricht, der die Wahrheit der Sachen nicht im Meinen einer einheitlichen Positionierung über die Sachen und nicht in den einzelnen Worten betrachtet, denn Namen und Worte können falsch oder richtig gebraucht und gegenüber dem Seienden richtig oder falsch zugeordnet werden, weshalb der Logos der Träger der Wahrheit und Unwahrheit ist. Aber das bedeutet nicht, dass das Wort aller Erfahrung des Seienden vorausgeht und zu einer schon gemachten Erfahrung hinzutritt, indem es sie sich unterwirft. Worte oder Zeichen werden demnach nicht bloß vor- oder zugeordnet, sondern vielmehr gehört es zur Erfahrung selbst, dass sie die Worte sucht und findet, die sie ausdrücken, weshalb der Erkennende zu den Sachen selbst zu gehen habe, wozu die Sprache für das Erkennen unentbehrlich ist, obwohl Sokrates‘ Sehnsucht tendenziell zur Sprachlosigkeit neigt. Allerdings ist ihm auch bewusst, dass das Wort als belehrendes Werkzeug und ein das Wesen der Sache unterscheidendes Instrument ist, weshalb er gleich zu Beginn des Dialogs eine kommunikativ-kognitive Funktionsbestimmung der Sprache vornimmt, um zu prüfen, was Wörter bewegen können, damit Sachen zu klassifizieren und deren Wesen zu differenzieren sind.
Ähnlich ist das Problem in Augustinus‘ „De magistro“ (389/90) gelagert, denn er fragte nach dem Erkenntniswert der Wörter und bediente sich ebenso der dialektischen Methode des Fragens und Antwortens, um so perspektivisches Wissen als je begrenzte Wissensweise zu lokalisieren und die Idealität der Erkenntnis sprachfrei aufzufassen – Wörtern quasi ihre Bedeutung und Referenzproblematik abzusprechen und gleichzeitig den Gestus aufzuwerten oder Wissen als Ermöglichung von Wahrheit in der Christus-Figur und dessen ewiger Weisheit zu betrachten. Wiederum ähnlich, aber doch ganz anders als Augustinus‘, ging Dante vor, der am christlich-irdischen Gegenstand der „Göttlichen Komödie“ (1321) eine Dichtungstheorie der Volkssprache (1303/04) und eine Theorie des vierfachen Schriftsinns (ca. 1315) entwickelte. Methodologisch hatte Dante somit eine neue hermeneutisch-philologische, geschichtsphilosophische und ethische Fundierung als Theorie des Lesens und Interpretierens konzipiert, um dem Sinn des Lehrens, Lernens und Lebens nachzuspüren. Dantes sprachtheoretische Erörterungen des Unterschieds zwischen dem intellectus possibilis und intellectus agens, oder die Auffassung der memoria, können zudem vertiefende Einblicke in das Verständnis des mittelalterlich-sakralen, profanen und letztlich auch des modernen Sprech-, Sprach- und Schriftgutes verschaffen.
Voraussetzungen: Neugierde, Lust und Laune, sich auf eine höchst spannende Richtung der Philosophie einzulassen, regelmäßige Teilnahme und Bereitschaft zur Formulierung eigener Lektüreerfahrung als Input für den gemeinsamen Austausch im Seminar. Genaue bibliographische Angaben und Zeitplan (s. unten): Primär- und Forschungsliteratur stehen demnächst im Handapparat in der UB bereit.
Primärliteratur:
Alighieri, Dante: De vulgari eloquentia 1 [1303/04]. Über die Beredsamkeit in der Volkssprache. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt von Francis Cheneval, mit einer Einführung von Ruedi Imbach und Irène Rosier-Catach und einem Kommentar von Ruedi Imbach und Tiziana Suarez-Nani. Hamburg: Felix Meiner Verlag 2007 (Dante Alighieri: Philosophische Werke. Herausgegeben unter der Leitung von Ruedi Imbach, Bd. 3).
– Das Schreiben an Cangrande della Scala [ca. 1315]. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Thomas Ricklin mit einer Vorrede von Ruedi Imbach. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1993 (Dante Alighieri: Philosophische Werke. Herausgegeben unter der Leitung von Ruedi Imbach, Bd. 1).
Augustinus, Aurelius: De magistro/Über den Lehrer [389/90]. Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Burkard Mojsisch. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1998.
Platon: Kratylos [ca. 393-388 v. Chr.]. In: Ders.: Sämtliche Werke 2. In der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher mit der Stephanus-Nummerierung herausgegeben von Walter F. Otto, Ernstnest Grass, Gert Plamböck. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1957, 123-181.
– Theätet [ca. 365-360 v. Chr.]. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Ekkehard Martens. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1981.
Forschungsliteratur:
Apelt, Karl Otto: Die Idee der Sprache in der Tradition des Humanismus von Dante bis Vico. Bonn: 31980.
Borsche, Tilman: Klassiker der Sprachphilosophie. Von Platon bis Chomsky. München: C. H. Beck Verlag 2002.
Coseriu, Eugenio: Geschichte der Sprachphilosophie. Von den Anfängen bis Rousseau. Tübingen: Francke Verlag 2003.
– Der Physei-Thesei-Streit. Sechs Beiträge zur Sprachphilosophie. Herausgegeben von Reinhard Meisterfeld. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag 2004.
Flasch, Kurt: Einladung, Dante zu lesen [2011]. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag 22015.
Gadamer, Hans Georg: Mit der Sprache Denken [1990]. In: Ders.: Gesammelte Werke. Band 10 (Hermeneutik im Rückblick). Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1995, S. 346-353.
Hausmann, Frank-Rutger: Fast alles, was wir von Dante wissen, wissen wir von Dante: Plädoyer für einen kritischen Umgang mit Dantes Biographie. In: Clausdirk Pollner/Helmut Rohlfing/Frank-Rutger Hausmann (Hg.): Bright ist he Ring of Words. Festschrift für Horst Weinstock zum 65. Geburtstag. Bonn: Romanistischer Verlag 1996, S. 109-125.
Horn, Christoph/Müller, Jörn/Söder, Joachim (Hg.): Platon Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag 22020.
Kreuzer, Johann: Augustinus zur Einführung [1995]. Hamburg: 2., ergänzte Auflage, Junius Verlag 2013.
Trabant, Jürgen: Mithridates im Paradies. Kleine Geschichte des Sprachdenkens. München: C. H. Beck Verlag 2003.
– Europäisches Sprachdenken. Von Plato bis Wittgenstein. München: C. H. Beck Verlag 2006.
Zeitplan:
17. 04. 2023 Einführung; Platon: Kratylos
24. 04. 2023 Platon: Kratylos
01. 05. 2023 Internationaler Tag der Arbeit
08. 05. 2023 Platon: Kratylos
15. 05. 2023 Platon: Theätet
22. 05. 2023 Platon: Theätet
29. 05. 2023 Pfingstmontag
05. 06. 2023 Augustinus: Der Lehrer
12. 06. 2023 Augustinus: Der Lehrer
19. 06. 2023 Dante: Über die Beredsamkeit in der Volkssprache
26. 06. 2023 Dante: Über die Beredsamkeit
03. 07. 2023 Dante: Das Schreiben an Cangrande della Scala
10. 07. 2023 Dante: Das Schreiben an Cangrande della Scala, Schlussgespräch

Admission settings

The course is part of admission "Begrenzung Fachwissenschaft".
The following rules apply for the admission:
  • A defined number of seats will be assigned to these courses.
    The seats will be assigned in order of enrolment.
  • Enrolment is allowed for up to 8 courses of the admission set.
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