Stud.IP Uni Oldenburg
University of Oldenburg
28.10.2020 00:44:21
4.03.2103 Seminar: Revolte und Ökosozialismus: Herbert Marcuses Spätwerk - Details
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General information

Subtitle
Course number 4.03.2103
Semester Wintersemester 2020/2021
Current number of participants 69
maximum number of participants 60
Home institute Institute of Philosophy
Courses type Seminar in category Teaching
Next date Tue , 03.11.2020 10:00 - 12:00, Room: (Online)
Type/Form
Lehrsprache --

Course location / Course dates

(Online) Tuesday: 10:00 - 12:00, weekly (14x)

Module assignments

Comment/Description

Dass die Fortentwicklung der Kapitalismus-Kritik auf der Matrix von Amerika-Erfahrungen mitberuht, trifft auf kaum einen anderen Vertreter der Kritischen Theorie wie Herbert Marcuse (1898-1979) in aller Deutlichkeit zu. Nicht dauerhaft nach Europa zurückgekehrt, wäre er heute einer der radikalsten Kritiker von R. Trumps protektionistischer Machtpolitik, die mittels ideologischer Fake News und rassistischer Polizeigewalt durchgesetzt wird, wie u. a. die Festnahme mit Todesfolge des Afroamerikaner George Floyd im Mai 2020 belegt. Im Alltag einer vom wirtschaftlichen Konkurrenzkampf und der Coronakrise angeschlagenen Nation spitzen sich die Klassengegensätze immer weiter zu. Eliot Weinberger, feinsinniger Essayist und politischer Beobachter, schreibt in seinem Buch „Neulich in Amerika“ (2020, S. 245): „Das Virus tötet überproportional häufig Alte und Kranke und jene, die sie pflegen, Inhaftierte, arme Menschen, Fabrikarbeiter, Afroamerikaner, Hispanoamerikaner und Native Americans. Geschäftstüchtige Republikaner erwecken den Sozialdarwinismus zu neuem Leben und sind offenbar bereit, diese Menschen zu opfern, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln.“ Zwischen Weinbergers nüchterner Gegenwartsanalyse und Marcuses Kritik der Überflussgesellschaft und defizitären Demokratie bestehen soziologisch-strukturanalytische Parallelen, hatte doch Marcuse in dem Gespräch „Über Revolte, Anarchismus und Einsamkeit“ (1969, S. 19) die Frage, ob von einem Fortschritt der Demokratie in den USA gesprochen werden könne, ironisch mit der Gegenfrage beantwortet: „Finden Sie wirklich, daß die Demokratie in den Vereinigten Staaten Fortschritte macht?“
Was macht nun die Originalität von Marcuses Spätschriften aus, die er im Kontext zunehmender Aggressionsbereitschaft und eindimensionaler Abrichtungen der Subjekte verfasste, ohne je plumpe Ressentiments oder Anti-Amerikanismus verbreitet zu haben? Als revolutionserfahrener Soldatenrat in Berlin (1918) und über den deutschen Bildungsroman in Freiburg promovierter Germanist (1922) wurde Marcuse auch durch die Existenzphilosophie Martin Heideggers geprägt. Zu Beginn der 1930er Jahre und im amerikanischen Exil finden die Hinwendung zur marxistischen Philosophie und Psychoanalyse statt. Sensibel für Sozial- und Minoritätsfragen und antirassistische Proteste der Bürgerrechtsbewegung, die sich auf dem kalifornischen Verbundcampus von Berkeley und San Diego herausbildeten und großen Einfluss auf das Free Speech Movement und die Studenten- und Antikriegsbewegung ausübten (Vietnamkrieg), hatte Marcuse um 1968 zeitaktuell eine technologiekritische Sozial- und Freiheitsphilosophie entwickelt, die ihren theoretischen Ausgangspunkt in den Geistesgewölben des deutschen Idealismus und deren materialistisch-dialektischen Kritiker fand.
Speziell zu befragen ist die philosophische Konstruktion der Spätschriften, worin Marcuse mit Begriffen wie „repressive Toleranz“, „Befreiung“, „Revolte“, „große Weigerung“, „neue Sensibilität“ operierte. Weitere Termini wie „Negation“, „Fortschritt von Ausbeutung und Herrschaft“, „allseitig entwickeltes Individuum“ versus „verstümmelte Erfahrung“ oder „sozialistischer Humanismus“ verweisen auf seine Philosophie der Praxis, die auch im Sinne des platonisch-zeugenden Eros konzipiert ist. Zuletzt beschäftigten Marcuse, angeregt durch die alarmierende Wachstumskritik des Club of Rome (1972), die menschengemachte „Vergewaltigung der Natur“ und „Naturbeherrschung auf Kosten der Freiheit“ als Raubbauphänomene, die zur Zerstörung der Lebensvoraussetzungen (Klimakatastrophe, Bodenversiegelung, Artenrückgang) auf dem Planeten führen. Aber der destruktiven Wachstums- und Destruktionslogik setzte Marcuse das Ausscheren kreativer Produktiv- und Transzendenzkräfte der Künste, Literatur und verantwortungsvollen Wissenschaft als quirlig-emanzipative Graswurzelalternative entgegen. Wie Marcuse seine Theoreme und Thesen eigensinnig begründete, ob und welche Antworten sie auf die entsinnlichenden Entfremdungsprozesse des Kapitalismus bereithalten, wie die freiwillige Knechtschaft und Angst vor der Freiheit überwunden werden können, bildet den Gegenstand unserer Lektüren und Erörterungen.
Voraussetzungen: Lust und Laune zur vorbereitenden Lektüre und Diskussion. Zur ersten Sitzung sollten die beiden Aufsätze „Sozialistischer Humanismus?“ (1965) und „Die Verantwortung der Wissenschaft“ (1967) gelesen sein (s. Bibliographie und Zeitplan). Alle Texte sind in meinem Seminarhandapparat der UB eingestellt. Zur Anschaffung empfohlen werden die beiden Suhrkamp-Taschenbücher „Versuch über die Befreiung“ (1969) und „Konterrevolution und Revolte“ (1972), die antiquarisch gut und günstig (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) zugänglich sind.
Primärliteratur:
Marcuse, Herbert: Sozialistischer Humanismus? [1965]. In: Ders.: Nachgelassene Schriften. Band 6: Ökologie und Gesellschaftskritik. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Peter-Erwin Jansen. Einleitung von Iring Fetscher. Aus dem Amerikanischen und Französischen von Thomas Laugstien. Lüneburg: zu Klampen 2009, S. 118-129.
Repressive Toleranz [1966]. In: Wolff, Robert Paul/Moore, Barrington, Marcuse/Herbert: Kritik der reinen Toleranz. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Alfred Schmidt. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1981, S. 91-128.
Die Verantwortung der Wissenschaft [1967]. In: Ders.: Nachgelassene Schriften. Band 6: Ökologie und Gesellschaftskritik, S. 130-136.
Das Ende der Utopie [1967]. In: Ders.: Das Ende der Utopie. Vorträge und Diskussionen in Berlin 1967. Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik 1980, S. 9-17.
Das Problem der Gewalt in der Opposition [1967]. In: Ebd., S. 44-58.
Die Pariser Revolte im Mai 1968 [1968]. In: Ders.: Nachgelassene Schriften. Band 4: Die Studentenbewegung und ihre Folgen. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Peter-Erwin Jansen. Einleitung von Wolfgang Kraushaar. Aus dem Amerikanischen von Thomas Laugstien. Lüneburg: zu Klampen 2004, S. 84-102.
Die Unterschiede zwischen alter und neuer Linker [1968]. In: Nachgelassene Schriften. Band 4: Die Studentenbewegung und ihre Folgen, S. 103-111.
Versuch über die Befreiung [1968]. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Helmut Reinicke und Alfred Schmidt. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1969.
Über Revolte, Anarchismus und Einsamkeit. Ein Gespräch. Aus dem Französischen übertragen von Katrin Reinhart. Zürich: Im Verlag der Arche 1969 (Edition Arche Nova).
Zur Aktualität der Dialektik bei Hegel und Marx [1970]. In: Nachgelassene Schriften. Band 6: Ökologie und Gesellschaftskritik, S. 137-156.
Konterrevolution und Revolte [1972]. Unter Mitwirkung von Alfred Schmidt aus dem Englischen übersetzt von R. & R. Wiggerhaus. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1973.
Kinder des Prometheus. Thesen zu Technik und Gesellschaft [1979]. In: Ders.: Nachgelassene Schriften. Band 6: Ökologie und Gesellschaftskritik, S. 157-164.
Ökologie und Gesellschaftskritik [1979]. In: Ebd., S. 165-176.
Forschungsliteratur:
Davis, Angela, Y.: Marcuses Vermächtnis. In: Keine Kritische Theorie ohne Amerika. Herausgegeben von Detlev Claussen, Oskar Negt und Micheal Werz. Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik 1999, S. 92-101.
Flego, Gvozden/Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich (Hrsg.): Herbert Marcuse – Eros und Emanzipation. Marcuse-Symposium 1988 in Dubrovnik. Gießen: Germinal Verlag 1989.
Kritik und Utopie im Werk von Herbert Marcuse. Herausgegeben vom Institut für Sozialforschung. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1992.
Ruschig Ulrich: Die Befreiung der Natur. Zum Verhältnis von Natur und Freiheit bei Herbert Marcuse. Köln: PapyRossa Verlag 2020.
Weinberger, Eliot: Neulich in Amerika. Herausgegeben von Beatrice Faßbender. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender, Eike Schönfeld und Peter Torberg. Berlin: Berenberg Verlag 2020.
Zeitplan:
20. 10. 2020 Einführung; Sozialistischer Humanismus (1965); Die Verantwortung der Wissenschaft (1967).
27. 10. 2020 Repressive Toleranz (1966).
03. 11. 2020 Das Ende der Utopie (1967); Das Problem der Gewalt in der Opposition (1967).
10. 11. 2020 Die Pariser Revolution im Mai 1968; Die Unterschiede zwischen alter und neuer Linker (1968).
17. 11. 2020 Versuch über die Befreiung (1969).
24. 11. 2020 Versuch über die Befreiung.
01. 12. 2020 Versuch über die Befreiung; Über Revolte, Anarchismus und Einsamkeit. Ein Gespräch (1969).
08. 12. 2020 Zur Aktualität der Dialektik bei Hegel und Marx (1970).
15. 12. 2020 Zur Aktualität der Dialektik bei Hegel und Marx.
22. 12. 2020 Konterrevolution und Revolte (1972).
12. 01. 2021 Konterrevolution und Revolte.
19. 01. 2021 Konterrevolution und Revolte.
26. 01. 2021 Kinder des Prometheus (1979).
02. 02. 2021 Ökologie und Gesellschaftskritik (1979); Abschlussgespräch.

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